Wünschen Sie sich nicht auch hin und wieder, mehr im Gleichgewicht zu sein, d.h., innerlich ausgeglichen und zufrieden? Mit dem Gleichgewicht ist das so eine Sache, denn eigentlich ist Gleichgewicht etwas Statisches und Unbewegliches, und was sich nicht bewegt, stirbt. Alles im Leben ist ununterbrochen in Bewegung – das Leben selbst ist Bewegung.

Die Dinge im Leben sind polar angeordnet, und somit hat alles seine zwei Seiten. Diese zwei Seiten sind stets in einem Ungleichgewicht, das zum Ausgleich drängt. Ein gutes Beispiel dafür ist das Gehen: wenn wir uns mit unseren Füßen bewegen, befinden wir uns stets im Ungleichgewicht, fallen dabei trotzdem nicht um, weil wir immer schnell genug eine ausgleichende Gegenbewegung einleiten. Somit sollten wir eigentlich eher von einem dynamischen Gleichgewicht als von Ungleichgewicht sprechen.Durch das Prinzip des dynamischen Gleichgewichts strebt alles im Leben nach Ausgleich – wenn Sie einen Bambusstab weit genug in eine Richtung drücken, werden Sie zunehmend mehr Widerstand spüren, weil es den Bambus zur Mitte zurückdrängt. Wenn Sie dann loslassen, wird er nicht gleich zur Mitte zurückkehren, sondern erst einmal über die Mitte hinaus in die andere Richtung schnellen, bevor er dann in der Mitte zur Ruhe kommt.

Der taoistische Weise Deng Ming Dao schreibt dazu:

“Wenn wir weit genug blicken, erkennen wir, dass Gleichgewicht sich im Verlauf der natürlichen Entwicklung einstellt. Die Natur erreicht das Gleichgewicht nicht, indem sie an einer bestimmten Stufe festhält. Vielmehr wechseln sich Elemente und Jahreszeiten in geordneter Folge ab. Vom Standpunkt des Tao ist Gleichgewicht kein Stillstand, sondern ein dynamischer Vorgang sich gegenseitig überlappender Wandlungen, und wenn einige Phasen allzu extrem erscheinen mögen, werden sie durch andere ausgeglichen.”

Wenn Sie in Ihrem Leben eine anstrengende Zeit durchgemacht haben, werden Sie sich erst einmal ausgiebig ausruhen müssen, bevor Sie weitermachen (tun Sie das nicht, wird Ihr biologischer Mechanismus diese Ruhe erzwingen).

Das Prinzip des dynamischen Gleichgewichts läßt sich auch sehr gut am Atmen erkennen – Sie können nicht unbegrenzt einatmen, irgendwann müssen Sie loslassen und wieder ausatmen. Und wieder einatmen. Und wieder ausatmen. Und …

Einatmen ist Empfangen, ausatmen ist Geben. Wenn Sie vom Leben etwas bekommen haben, geben Sie dafür wieder etwas her.

Wenn Sie mehr empfangen als Sie geben, dann entsteht ein Ungleichgewicht. Dies wird sich darin äußern, dass Sie sich in irgendeiner Weise erkenntlich zeigen wollen, um den Kreis zu schließen. Wenn Sie sich entscheiden, nichts zu geben und so dafür sorgen, dass das Ungleichgewicht bestehen bleibt (ohne, wie beim dynamischen Gleichgewicht, in Bewegung zu sein), wird das Leben für einen Ausgleich sorgen – es wird eine ausgleichende Gegenbewegung eingeleitet. Das hört sich jetzt vielleicht hart an, aber jeder, der “ohne Verschulden” einen Unfall gebaut oder etwas verloren hat, weiß, wovon ich spreche. Wir können nicht empfangen, ohne etwas geben.

Und wenn Sie mehr geben als Sie empfangen, werden Sie irgendwann erschöpft sein und auf diese Weise die Gelegenheit bekommen, zu empfangen. Eine Ausnahme davon ist bedingungslose Liebe bzw. reine, unverfälschte Aufmerksamkeit – davon kann man nicht genug geben, und je mehr man davon gibt, umso mehr fließt einem selbst zu in Form von Freude und Dankbarkeit und vielen anderen guten Sachen 🙂

Alles fließt – durch das Prinzip des dynamischen Gleichgewichts bleibt das Leben in Bewegung, und alles kommt zum Ausgleich.

Im I Ging, dem alten chinesischen Buch der Wandlung, heißt es dazu:

Schwelge nicht in irgendwelchen Extremen …
Strebe nach Mäßigung bei allem, was du tust …
Auf diese Weise benutzt du die ausgleichenden Tendenzen der gegenwärtigen Kräfte, um dich selbst zu zentrieren.
Das bringt dich in Einklang mit dem Tao.
Und dann lebst du in Harmonie mit den Kräften, die dir helfen können.

Fragen zur Reflexion:

    • Wie können Sie das Prinzip des dynamischen Gleichgewichts in Ihrem Leben zum Ausdruck bringen?
    • Wie verhalten sich Geben und Nehmen in Ihrem Leben?
    • In welchen Bereichen Ihres Lebens nehmen Sie zuviel, ohne entsprechenden Ausgleich?
    • In welchen Bereichen Ihres Lebens geben Sie zuviel, ohne sich zu öffnen und zu empfangen?
    • Was veranlaßt Sie zum Geben, und was veranlaßt Sie zum Nehmen?

Körperexperimente:

Die folgenden Körperexperimente laden Sie ein, den obigen Beitrag am eigenen Leib zu erfahren:

    • Wie lange können Sie einatmen, ohne auszuatmen?
    • Wie lange brauchen Sie nach dem Ausatmen, bis es Sie wieder danach drängt, einzuatmen?
    • Gehen Sie ganz langsam und spüren dabei bewusst, wie Sie das Körpergewicht auf ein Bein verlagern und beim nächsten Schritt auf das andere; achten Sie auch darauf, wie Sie jedes Mal scheinbar aus der Mitte geraten und doch nicht umfallen.
    • Versuchen Sie, durch diese Körperexperimente den Bezug zu oben Geschriebenem herzustellen.

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